EXKLUSIV: Gregg Helvey im Gespräch



Photograph by Kristina Jessen

Im Kurzfilm KAVI geht es um das Thema der modernen Sklaverei in Indien. Der Regisseur Gregg Helvey besuchte die Vorstellung seines Films bei LUCAS am Mittwoch, den 8. September, und erzählte über Hintergründe des Films und prekäre Drehbedingungen.

Gregg, in deinem Kurzfilm KAVI geht es um einen kleinen indischen Jungen, der als Ziegelofenarbeiter schuftet, um die Schulden seines Vaters bezahlen zu können. Du sprichst damit die reale Problematik der modernen Sklaverei an. Nach offiziellen Angaben wurde die Sklaverei jedoch abgeschafft. Wie recherchiert man denn so ein undurchsichtiges Thema?
Ich habe eine Zeit lang beim National Geographic Traveler Magazine gearbeitet. Während dieser Zeit bin ich auf das Thema aufmerksam geworden. Das Script zu KAVI habe ich während meiner Zeit an der University of Southern California entwickelt. Dann bin ich für einen Monat nach Indien gegangen, habe dort 20 Ziegeleien besucht und mit Kinderarbeitern gesprochen. Ein Junge, er muss um die 12 Jahre alt gewesen sein, hatte die Aufgabe, Ziegelsteine zu transportieren – wie Kavi im Film. Als ich ihn nach seinem Alter fragte, antwortete er, er wisse es nicht. Vielleicht hat er sein ganzes Leben in der Ziegelei verbracht und kann sich deshalb nicht an sein Alter erinnern. Oder er wusste, dass er bei der Angabe seines wahren Alters in Schwierigkeiten kommt – denn er war allem Anschein nach zu jung zum Arbeiten.

Wie bist du denn an die zuständigen Personen herangekommen, wenn Sklaverei doch offiziell abgeschafft wurde?
Ich habe mit Organisationen kommuniziert, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzen, ähnlich wie die Männer im Film. Sie dokumentieren das Geschehen und verständigen die zuständigen Autoritäten.

Im Abspann wird darauf aufmerksam gemacht, dass in der heutigen Zeit 27 Millionen Menschen in der modernen Sklaverei gefangen sind. Woher kommt diese Zahl?
Die Zahl ist eine sehr vorsichtige Schätzung. Veröffentlicht wurde die von Kevin Bales, einem amerikanischen Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler. Er hat die Organisation FREE THE SLAVES gegründet und das bekannte Buch DISPOSIBLE PEOPLE geschrieben.

Waren die indischen Autoritäten beunruhigt, als sie erfahren haben, dass du einen Film über dieses kritische Thema drehst?
Bevor ich mich um eine Drehgenehmigung für den Film beworben habe, habe ich mich über die Bedingungen erkundigt. Mir wurde stark davon abgeraten, nach einer Genehmigung zu fragen. Also haben wir sozusagen ohne Erlaubnis gedreht. Es musste alles sehr schnell gehen, wir haben in nur 7 Tagen gedreht. Wir hatten auch einen Notfallplan: wenn jemand vorbeikommt, der auf das Geschehen aufmerksam wird, hätte ich einfach die Rolle eines Touristen vorgetäuscht, der die Arbeit auf einer Ziegelei beobachtet. Die Crew bestand größtenteils aus Indern, sie wären also nicht weiter aufgefallen. Ein weitaus größeres Problem als der Dreh ohne Erlaubnis stellte jedoch der unfassbare Regen dar, wegen dem wir den Dreh hätten eventuell abbrechen mussten. Keine zwei Stunden nach dem Dreh hat es dann auch angefangen, wie aus Kannen zu gießen.

Was möchtest du mit deinem Film erreichen?
Der Film ist ein Werkzeug, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf der ganzen Welt auf das Thema zu lenken, sie zum Nachdenken anzuregen. Das Genre des fiktionalen Films eignet sich bestens dazu, Menschen gleichzeitig zu unterhalten, emotional zu berühren und zu informieren. Der Film wurde in diesem Jahr für einen Oskar nominiert und konnte dadurch noch eine größere Anzahl von Menschen erreichen.

Der Junge im Film: was tut er im realen Leben?
Der Darsteller von Kavi kommt aus den Slums Indiens. Er wurde von einer Fernsehshow angestellt, davon profitierte seine ganze Familie. Nach dem Dreh von KAVI hat er weitere Rollen in Filmen angeboten bekommen.

Informationen rund um den Film finden Sie unter www.kavithemovie.com

Gregg Helvey absolvierte seinen Master of Fine Arts im Bereich Filmproduktion an der University of Southern California. Seine bisherigen Projekte reichen von Beiträgen für National Geographic und BBC1 Dokumentationen bis hin zu Independent-Spielfilmen. KAVI war 2010 als „Bester Kurzfilm“ für einen Oscar nominiert und darüber hinaus Preisträger eines Student Academy Awards. Als Filmemacher versucht Helvey, seine Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit mit kraftvollen Geschichten zu kombinieren.


Das Gespräch führte Deborah Haase.

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Tags: Interviews